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13. Dezember 2011

Die Deutschen Edelstahlwerke starten mit neuer Geschäftsführung ins Jahr 2012. Jürgen Horsthofer wird Vorsitzender

Nach 35 Jahren in der Stahlbranche geht Karl Haase, bisheriger Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Edelstahlwerke GmbH, in den Ruhestand. Im Dezember verabschiedete er sich von Kollegen, Mitarbeitern und Geschäftspartnern und übergab zum 1. Januar 2012 den Vorsitz an Geschäftsführer Jürgen Horsthofer.

MEDIUM X sprach mit beiden über Vergangenheit und Zukunft der Deutschen Edelstahlwerke, deren Entwicklung immer eng mit dem Werdegang der gesamten Stahlindustrie verknüpft war.

Redaktion: Herr Haase, Sie haben 35 Jahre in der Stahlindustrie gearbeitet. Was fasziniert Sie so an dieser Branche?

Haase: Mein Interesse und meine Leidenschaft für die Stahlindustrie habe ich schon bei einer Exkursion nach Salzgitter in der 12. Klasse entdeckt. Ich war fasziniert davon, wie viel Hightech und Präzision unter den extremen Bedingungen der Schwerindustrie zum Einsatz kommen. Das erzähle ich auch heute den Leuten, die immer noch glauben, dass es in einem Stahlwerk nur Dreck und Staub gibt. Man muss es einfach mal live erlebt haben…. Für mich stand jedenfalls fest, dass ich später ein Studium des Eisenhüttenwesens beginnen würde.

Horsthofer: Diese Faszination kann ich gut nachvollziehen. Stahl ist ein greifbares Produkt – angefangen bei den Rohstoffen bis zum vorgearbeiteten Produkt. Ich arbeite seit 25 Jahren bei den Deutschen Edelstahlwerken bzw. ihren Vorgängerunternehmen und beobachte seitdem die spannende technische Entwicklung. Man denke nur an die Erfindung des Stranggießverfahrens, mit dem das Abgießen des flüssigen Stahls hinsichtlich Effizienz und Abmessungsvielfalt revolutioniert wurde. Die Vakuumbehandlung war für mich ein weiterer wichtiger Meilenstein für die Produktentwicklung. Und natürlich die Erfolgsgeschichte der Elektrolichtbogenöfen, in denen inzwischen ja rund 35 Prozent der weltweiten Stahlproduktion über Recycling von Schrott hergestellt werden. Insgesamt hat eine Entwicklung stattgefunden weg von den Massenstählen und hin zu anspruchsvollen Speziallösungen.

Redaktion: Konnten die Standorte der Deutschen Edelstahlwerke immer von den neuen technischen Entwicklungen partizipieren?

Horsthofer: Ja, die Wittener Stranggießanlage ist weltweit eine der wenigen, auf der vom niedriglegierten bis zum höchstlegierten Stahl alle Sorten gegossen werden können. In Krefeld steht eine der größten und effizientesten Langeschmiedemaschinen der Welt. In Siegen betreiben wir ein mit neuester Technologie ausgestattetes Blankstahlzentrum und in Hagen werden im Blankbetrieb bikonische Stäbe gefertigt. An allen Standorten befinden sich außerdem modernste Ultraschallprüfanlagen.

Haase: Regelmäßige Investitionen waren vor dem Hintergrund zahlreicher Konjunkturschwankungen nie eine Selbstverständlichkeit. Um technisch immer am Ball bleiben zu können, mussten z.B. nach der schweren Stahlkrise der 1970er Jahre bessere Rahmenbedingungen für die Stahlindustrie geschaffen werden. Ein wichtiger Schritt war dabei die weltweite Privatisierung der Stahlindustrie.

Redaktion: Welche Bedeutung hat die Stahlindustrie heute in Ihren Augen?

Horsthofer: Stahl prägt und beeinflusst unser tägliches Leben, wie z.B. in Autos, Eisenbahnen, Schiffen, Brücken oder Windkrafträdern. Selbst Kunststoffprodukte werden mithilfe von Edelstahlformen erzeugt. Stahl ist außerdem zu 100 Prozent recycelbar und damit ein Werkstoff der Zukunft. Insbesondere in Europa besteht ein hervorragendes Sammelsystem, mit dem man eine hohe Sammelquote erzielt.

Haase: Im Laufe der Jahrzehnte ist die Stahlproduktion zwar weltweit gestiegen, aber die Mitarbeiterzahlen haben sich im Vergleich zu den 1970er Jahren z.B. verringert. Die große Bedeutung ist dennoch unumstritten, Stahl steht am Anfang der Wertschöpfungskette und ist Basis für viele Hightechprodukte und Innovationen. Zwei von drei Jobs in der Industrie entfallen auf die Stahl verarbeitenden Branchen.

Redaktion: Herr Horsthofer, Sie sind bereits seit 2005 Mitglied der Geschäftsführung. Was war die größere Herausforderung - die Fusion von vier Traditionsstandorten zu den Deutschen Edelstahlwerken 2007 oder die Wirtschaftskrise 2008/2009?

Horsthofer: Eindeutig die Wirtschaftskrise. Von heute auf morgen musste ein Maßnahmenpaket geschnürt werden, um das Stammpersonal halten zu können. Und das, obwohl die Produktion um rund 50 Prozent eingebrochen war. Allen Mitarbeitern wurde viel abverlangt, aber es hat letztlich funktioniert – darauf können wir stolz sein. Mit diesen Erfahrungen sind wir gut gewappnet für das, was die Konjunktur in den nächsten Jahren noch für uns bereit halten wird. Bei der Fusion wurden dagegen vier Standorte unter dem Dach der SCHMOLZ + BICKENBACH Gruppe vereint, deren Produktportfolios sich nicht überschnitten, sondern ergänzt haben. Außerdem waren die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen damals optimal, so dass die Fusion gut und schnell durchgeführt werden konnte.

Redaktion: Welche Herausforderungen muss sich die Stahlindustrie in Zukunft stellen?

Horsthofer: Die größte Herausforderung liegt sicherlich bei der sicheren und bezahlbaren Energieversorgung.

Haase: Das sehe ich genauso. Die Energieversorgung muss für die Stahlindustrie verlässlich gestaltet werden. Das heißt, dass wir Strom zu wettbewerbsfähigen Preisen beziehen können müssen. In keinem anderen Land ist Energie so teuer wie in Deutschland. Die Entscheider dürfen nicht vergessen, dass wir zwar zu den energieintensiven Branchen gehören, aber im weltweiten Vergleich auch die höchste Energieeffizienz haben.

Redaktion: Was für Pläne haben die Deutschen Edelstahlwerke 2012, Herr Horsthofer?

Horsthofer: Neben der Energieversorgung wird der Kunde noch stärker im Fokus stehen. Unsere Arbeit ist stark technikgeprägt. Dabei darf jedoch die Perspektive des Kunden nicht fehlen. Deshalb arbeiten wir weiter an unserer Lieferperformance und wollen die Transparenz unserer Prozesse für den Kunden erhöhen. Ein weiteres wichtiges Projekt ist die Modernisierung der Sekundärmetallurgie am Standort Witten, mit der wir die hohe Qualität unsere Produkte noch besser gewährleisten können. Damit sind wir zukunftsfähig aufgestellt um am Wachstum von Branchen wie der Energietechnik oder der Luft- und Raumfahrt teilzunehmen.

Haase: Ich wünsche meinem Nachfolger für die Zukunft viel Erfolg und auch das nötige Quäntchen Glück für die Umsetzung seiner Pläne.

Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch und Ihnen, Herr Haase, auf Ihrem weiteren Lebensweg alles Gute.

Die Geschäftsführung der Deutschen Edelstahlwerke GmbH setzt sich ab Januar 2012 folgendermaßen zusammen:

Jürgen Horsthofer (Vorsitzender)

Dirk Wallesch (stellvertretender Vorsitzender)

Jürgen Alex

Burkhard Hartmann (Arbeitsdirektor)